Blog der Klangfelder

Einen Song aufnehmen

Einfach mal einen Song aufnehmen?

Wir wollen einen neuen Song von uns auf die Homepage stellen. Ok, sagt Micha, unser Chorleiter, aber mal eben singen, mit dem Handy aufnehmen und fertig? Das geht nicht! Wenn man irgendwie singt, klingt das grauenvoll. Man brauche ordentliche Mikros, ein Mischpult und ganz viel Geduld, auch vom Chor. Denn bei einer Aufnahme höre man gnadenlos jeden schiefen Ton, jeden falschen Einsatz, jede zu laute Stimme.

Na ja, denken wir, Micha hat die perfekte Ausrüstung, das kriegen wir schon hin. „Mary did you know“ soll es werden, ein harmloses Weihnachtslied, das wir seit zwei Jahren im Repertoire haben.

Erstmal geht es um das „O“ von „did you knOOOw“. Man kann Os auf sehr verschiedene Weisen singen, aus dem Bauch oder am Hals abgeschnitten, geschlossen oder rund geöffnet. Am besten klingt es, wenn man seinem Gegenüber das schönste „O“ schenkt. Dann kommt das „Mä“ von „Mary“. Es darf nicht nach dem Blöken eines Schafes klingen, sondern muss rund, weich und fließend an die anderen Silben angebunden sein. Man glaubt es kaum, aber damit kann man mehrere Stunden zubringen.

Am nächsten Tag baut Micha die Technik auf: Mikros, nicht zu nah und nicht zu weit weg, eins für den Flügel, Kabel, Mischpult, Strom. Es müsse in einer(!) Aufnahme klappen, einem kompletten Durchlauf. Man könne nicht den Anfang der dritten Version und das Ende der fünften zusammenschneiden.

Dann das erste „Achtung, Aufnahme!“. Aber jemand ist noch auf der Toilette, und das Klappen der Tür könnte alles versauen. „Alle Handys aus?“ Also rennen wir zu den Taschen. Danach stimmt die Aufstellung nicht mehr, es muss neu eingemessen werden. Micha findet es sehr heiß im Raum. Einige können nicht mehr stehen, andere massieren sich gegenseitig den Nacken. Wieder „Achtung, Aufnahme!“, aber der erste Ton im Tenor sitzt zu tief. Die wenigen Männer in den tiefen Stimmen müssen weiter nach vorne, der Bass braucht Hilfe beim Timing. Wir singen viermal, fünfmal. Micha bricht immer wieder ab und schüttelt den Kopf. „Pause! Ich bin schon völlig fertig.“ Wir auch.

Irgendwann, erklärt er, sei ein Punkt überschritten, ab dem es nur noch schlechter werde, weil sich keiner mehr konzentrieren könne. Drei Stunden sind wir schon dabei. Sind wir an diesem Punkt?

Nach der Pause rufen wir uns das schöne „O“ und das fließende „Mä“ wieder in Erinnerung. Wir singen ganz durch, und alle blicken erwartungsvoll nach vorn. Aber Micha reißt nicht die Arme hoch. Das „Mä“ klingt nach Schaf, und wieder der zu tiefe Anfangston. Aufgeben? Nein! Einmal noch.

Am Ende nickt Micha. „Besser kriegen wir es nicht mehr hin.“ Während wir Kaffee trinken und denken „Uff, man braucht wirklich viel Geduld“, hockt er schon wieder unter seinen Kopfhörern. Er sieht kaputt aus, aber ein ganz leises, zufriedenes Lächeln macht sich auf seinem Gesicht breit.

Dann setzt er die Kopfhörer ab, schaltet den Lautsprecher ein, und wir hören: Da singt ein Chor dieses simple kleine Weihnachtslied. Der Chor, das sind wir! Ein paar kleine Baustellen hört man noch. Trotzdem: Es klingt ziemlich schön. Hier ist Mary did you know zu hören.